Ansatz
Das
gegebene Feld in der äußeren Münchner Peripherie
ist ein heterogenes Vorstadtgebiet. Zu den typisch peripheren Erscheinungen,
Zeilenbauten und Einfamilienhäusern, mischen sich Gewerbekomplexe
und kleine Geschäfte. Das Gefängnis Stadelheim und der
Friedhof am Perlacher Forst bilden Inseln in dieser vorstädtischen
Topographie. Riesige Infrastrukturtrassen durchschneiden das Gebiet
und führen einen anderen Maßstab, eine andere räumliche
Logik ein.
Neben diesen Schnitten dominiert das Gefängnis das Feld. Es
verhält sich wie ein schwarzes Loch in der Topographie des
Stadtteils. Die Mauer ist durch ihre Höhe und Perfektion eine
absolute Ausgrenzung, die einzigen Verweise auf das innere Geschehen
sind die Wachtürme. Aber auch diese sind durch die technoide
modernistische Architektur fast vollkommen neutralisiert. Keine
Schießscharten oder ähnliches sind sichtbar, die getönten
schräg gestellten Glasscheiben sprechen von Überwachung,
aber selbst die Wachposten bleiben unsichtbar. Die Perfektion der
glatten, sich über Hunderte von Metern absolut gerade zwischen
Wachtürmen aufspannenden Betonwände, erzeugt das Bild
einer riesigen Maschine, deren Gehäuse keinerlei Rückschlüsse
auf ihre innern Abläufe zulässt.
Die Haftanstalt stellt heute eine Institution der gesellschaftlich
sanktionierten Exklusion dar, ein Aspekt, der in der Ortsterminreihe
bereits von den Künstlern O.Ressler und M.Krenn aufgegriffen
wurde. Das Gefängnis hat durch Ereignisse während der
Nazi-Zeit und darüber hinaus einen besonderen historischen
Gehalt: Hitler saß hier ein, Röhm wurde hier getötet,
ebenso die Geschwister Scholl und andere Mitglieder der Weißen
Rose; unter den Nationalsozialisten wurden hier über 1000 Menschen
hingerichtet. Viele dieser Opfer sind auf dem benachbarten Perlacher
Friedhof begraben. Neben dem Gefängnis wohnen Menschen in einer
scheinbar normalen Parallelwelt in Häusern, deren Fenster auf
die Gefängnismauern blicken. Uns interessiert dieser Kontrast,
die Parallelität von Normalitäten mehr als die Auseinandersetzung
mit dem System Gefängnis.
 
Urbanität
und Toleranz
Die
Stadt wird als ein privilegierter Ort der Ausübung von Toleranz
verstanden. Die Anonymität, die sie gewährt, und die zwangsläufige
Begegnung mit anderen sind die beiden Pole, zwischen denen Toleranz
ausgeübt wird, welche aber auch eine Bedingung für urbane
Koexistenz darstellt. Toleranz wird oft als eine Folge städtischer
Sozialisierung gesehen oder als etwas uns natürlich Gegebenes,
wobei beide Positionen von einer natürlichen Fähigkeit,
unser Verhältnis zur Toleranz zu bestimmen, ausgehen. Uns interessiert
nicht so sehr, was Toleranz ist, sondern wie sie funktioniert. An
sich kann Toleranz nur funktionieren als Prozess oder Praktik der
Akzeptanz von Differenz, oder 'Anderem’; d.h. sie beinhaltet
ein aktives Moment der Definition der Differenz, was natürlich
auch eine Eigenbestimmung, durch Assoziation mit Werten, Ideen etc
voraussetzt. Insofern kann Toleranz als ein aktiver Prozess aufgefasst
werden, in dem Differenz und Assoziation (Gemeinschaft) immer gemeinsam
problematisiert werden. Als solche ist Toleranz nicht eine Eigenschaft,
die man besitzt, sondern ein jeweils aktives Entscheiden, das Teil
der Techniken des Selbst ist.
 
Verräumlichung
von Differenz
Die
Toleranz als eine spezifisch urbane Problematik erscheint Ende des
neunzehnten Jahrhunderts, als die Stadt privilegierter Ort verschiedenster
Wissensfelder wird. Die urbanen Strukturen und die Bevölkerung
werden beschrieben, klassifiziert, und kategorisiert. Dadurch werden
sie verstanden als ein eigenes Phänomen mit immanenten Prozessen
und Regeln. Diese Überlappung von biologischem, politischen,
sozialen und statistischen Wissen fördert ein biologisches
Verständnis der Bevölkerung, zusammengesetzt aus Gruppen,
mit ihren entsprechenden unterschiedlichen Verhaltensmerkmalen,
Eigenschaften und Qualitäten – d.h. Differenz wird beschrieben
und benannt. Die Entstehung von Stadtvierteln, differenziert nach
Benutzungsform und Klasse, und die Entwicklung der Eugenik sind
parallele Erscheinungen desselben urbanen Prozesses.
| Anders
formuliert, Segregation und die Idee der Gemeinschaft als
Gegenmodell der modernen Entfremdung (Ferdiand Toennies) entstanden
zur gleichen Zeit. Das Prinzip der Gemeinschaft oder Assoziation
mit Gleichem als Voraussetzung für das Bestreben nach
Toleranz, ist demnach kein gegebener Raum, in dem Individuen
in ihren emotionalen Beziehungen des täglichen Lebens
fixiert sind. Dem könnte man eine andere Perspektive
entgegensetzen – die einer nicht determinierten und
gegebenen, sondern situationsbedingt konstruierten Gemeinschaft.
Aus dieser Perspektive kann Gemeinschaft verstanden werden
als eine Reihe variabler Assoziationen und als Räume
der Unbestimmtheit. Der erste Schritt zur Toleranz ist daher
nicht so sehr die Entscheidung, dass man tolerant ist oder
handelt, sondern ein experimenteller und reflexiver Entscheidungsprozess.
Entgegen der Idee der essentiellen Zusammengehörigkeit
(durch Klasse, ethnische Zugehörigkeit, Interessen, Nachbarschaft
etc) könnte man Formen von fließenden und offenen
Beziehungen stellen, die die Idee von Identität selbst
infrage stellen, sei es individuell oder kollektiv.
[Bild
rechts: Invasionsdiagramm] |
|
| Ideenentwicklung
Im
Feld intervenieren. Wir beziehen uns auf die Empfindung der
Fremdheit, des Fremdseins und die Bedingung, mit „dem
Anderen“ direkt und massiv konfrontiert zu sein, aber
über die Zeit hinweg einen blinden Fleck zu entwickeln,
der eine neue Wirklichkeit konstituiert. Wir arbeiten mit
Mitteln der Perspektivverschiebung, untersuchen Interventionsideen
als temporäre Installation.
[Bild
rechts: Invasion an Spot 1] |
|
Invasion
Das
Feld wird unterlaufen, übernommen, besetzt und temporär
überformt. Das Mittel dieses Eingriffs ist eine Flotte von
gleichfarbigen Pkws, die im Feld geparkt werden. Sie dringen von
außen in das Feld ein, übernehmen die Parkplätze.
Nach einer geplanten Choreografie bewegt sich diese neue Population
über die Dauer der Intervention im Feld. Die Gesamtchoreografie
arbeitet mit einem Repertoire von zeit-räumlichen Strategien
von Eindiffundieren bis zur plötzlichen Überflutung.
Die Fahrzeuge werden von einer Gruppe gleich gekleideter Fahrer
gesteuert. Ihr Umgang mit den Fahrzeugen folgt einem ebenso festgelegten
Ritual. Sie nähern sich dem Fahrzeug, fahren es zu seinem nächsten
Parkplatz und verlassen das Fahrzeug wieder, setzen ihren Weg zu
Fuß fort. Die
Population der Gleichfarbigen wandert so durch das Feld, tritt an
unterschiedlichen Orten in Erscheinung. Wie eine wandernde Wolke
verdünnt und verdichtet sich die Invasion über Zeit und
an unterschiedlichen Orten.
 
Zur
Intervention
Die
sukzessive und fluktuierende Besetzung des Viertels versucht eine
doppelte Umkehrung von Identifikationen. Die Besetzung des Raumes
durch ein alltägliches Objekt, das nur allmählich durch
seine ‘Vermehrung’ (oder scheinbare Vervielfältigung)
wahrgenommen wird, gewinnt einen bedrohlichen Charakter. Die allmähliche
Wahrnehmung der Veränderung des Straßenbildes ist eine
Unterbrechung des Alltäglichen. Die Folge ist nicht nur Befremdung
und Verunsicherung, sondern auch eine Infragestellung der eigenen
Identifikation.
Durch das Ereignis wendet sich diese Frage der Zugehörigkeit
wieder. Die Wahrnehmung des Kunstwerks verstrickt den Betrachter
in eine Serie von neuen Assoziationen: von der ästhetischen
Erfahrung an sich, die abstrakt eine generelle Zugehörigkeit
zu etwas Über- Individuellem darstellt, zu der realen Kollektivität,
die sich zwischen den Akteuren der Intervention und den Betrachtern
aufspannt, zu der Neudefinition der Identifikation mit dem Stadtviertel.
Die Oszillation zwischen Entfremdung, Bedrohung/Ausgrenzung, Teilnahme
und Neuorientierung mit anderen und variablen Kollektivitäten
kann als eine spielerische Auseinandersetzung mit dem Thema Toleranz,
Ein- und Ausgrenzung gesehen werden. Der Ansatz soll als eine Aufforderung
zum aktiven Prozess gesehen werden; nicht so sehr als etwas worauf
man Zugriff hat, aber als eine Lebenspraktik, die sich gegen den
Entwurf einer fixen Identität selbst stellt.
 
|